Erwartungen eines Netzbetreibers an eine nächste Bundesregierung

15.09.2021 | Auch hier zu finden im Web

Energiewirtschaft

Weil jeder mal Kind war, kennt jeder das Thema: Karussell und Autoscooter und Riesenrad und Eis ist irgendwie nicht drin … insofern kann man ja als Netzbetreiber eine lange Wunschliste haben, aber am Ende führen großartige Erwartungen nur zu großartigen Enttäuschungen. Und wenn ich meine Erwartung an die nächste Bundesregierung formulieren soll, dann ist das vor allem der Wunsch und die Bitte nach „Hausputz“, Realismus und (Aus-)Richtung.

Mit „Hausputz“ meine ich den Punkt, dass wir mittlerweile im Energiebereich eine Fülle von Gesetzen haben, die an vielen Stellen nicht mehr „sauber“ ineinandergreifen oder aufgrund ihrer teilweise hektischen Genese handwerkliche Fehler haben. Plakatives Beispiel ist der schon recht lächerliche Umstand, dass man keine Herkunftsnachweise für Verlustenergie einsetzen darf, d. h. dass ein Netzbetreiber die unweigerlichen technischen Transportverluste nicht mit Grünstrom ausgleichen darf. Oder das EEG: Wir haben bei der Netze BW GmbH eine Liste von rund 20 Punkten, in denen das EEG korrigiert werden sollte, um die Abwicklung zu erleichtern – und sind hierbei im Konsens mit wesentlichen unabhängigen Betreibern von EEG-Anlagen. Ich wünsche mir, dass man einfach mal einen „Hausputz“ macht – diese ganzen Kleinigkeiten, die tagtäglich Ärger machen, einmal bereinigt. Am liebsten, bevor man neue Gesetze einführt.

Und ich hoffe auf etwas mehr Realismus. Es ist nicht so, dass etwas umgesetzt ist, nur weil es im Gesetz steht. Die letzte EEG-Reform mit der Einführung der Anschlussregelungen bei auslaufender EEG-Förderung wurde am 21.12.2020 erlassen und galt ab dem 01.01.2021. Wie soll das gehen? Nur weil wir das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende haben, hängt Stand heute bei Weitem noch nicht in jedem Haushalt ein Smart Meter – eher im Gegenteil, man muss die Haushalte mit Smart Meter suchen. Trotzdem sehe ich, dass viel über zeitvariable Netzentgelttarifmodelle diskutiert und dabei die Smart-Meter-Infrastruktur als gegeben vorausgesetzt wird. Das kann nur schlechte Laune geben, wenn Gesetz und Realität aufeinandertreffen. Wir tun uns oft so schwer mit der Abstimmung von Maßnahmen im politischen Widerstreit der Interessen, dass wir vergessen, dass Energiewende am Ende vor allem auch eines ist: Handarbeit bzw. Handwerk - und nur weil man die Interessenskonflikte gelöst hat, ist noch kein Schlag Arbeit getan. Elektrische Anlagen und Installationen fallen nicht vom Himmel – sie müssen geplant, ihre Komponenten müssen hergestellt und das Ganze muss dann gebaut und in ein bestehendes Gesamtsystem integriert werden.  

Und ich glaube, wir brauchen (Aus-)Richtung. Natürlich ist die grundsätzliche Richtung klar – Klimaneutralität. Aber in der Netzregulierung folgt man nicht unbedingt diesem Zielbild. Es ist schon bemerkenswert, wenn der politische Beirat der Bundesnetzagentur diese öffentlich auffordert, konstruktiv am Umbau der Energielandschaft mitzumachen, d.h. konkret fordert, die Ausrichtung der Regulierungsaktivitäten der Bundesnetzagentur zu "mehr Energiewende" anzupassen. Wir regulieren auf das Zielbild eines gertenschlanken Netzbetreibers, dabei braucht die Energiewende starke Netzbetreiber. Wie der Rahmen dafür gerade in der Regulierung nach dem EuGH-Urteil erarbeitet werden soll bzw. kann, muss in der nächsten Legislatur geklärt werden. Die Energiewende braucht Infrastruktur, vor allem mehr Infrastruktur. Und damit braucht die Energiewende eine finanzielle Basis, die auch einen vorausschauenden Netzausbau für die zukünftigen Herausforderungen ermöglicht.

In der Energiewende liegen vor uns die Mühen der Ebene – beispielsweise muss wohl in fast jedem der rund 40 Mio. Haushalte die Wärmeversorgung umgestellt werden – und sei es nur, dass ein Wechsel von Erdgasbrenner auf Wasserstoff erfolgt. Auch werden wir fast jeden Haushalt besuchen, um Gateway und digitale Messinstrumente zu verbauen. Wir wollen und müssen tausende neue Stromkabel, entweder als Leitung oder als Erdkabel, durchs Land ziehen. Wir werden weitere aberhunderttausende PV-Anlagen und andere dezentrale Stromerzeuger aufstellen und anschließen. Tatsächlich ist die Energiewende als Umbau unserer gesamten Infrastruktur eine riesige Teamaufgabe für Anlagenhersteller, Netzbetreiber und Handwerk. Manchmal würde ich mir mehr Beachtung für diese ganz praktische Seite der Energiewende wünschen. Es ist ja schön, wenn Konzepte auf PowerPoint plausibel aussehen – viel schöner ist es, wenn diese auch ihren Praxistest bestehen. Es gilt: PowerPoint ist bunt, aber das Leben ist bunter.

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